01.06.2026

Cottbus & ich

Cottbus. Man hört ja viel über diese Perle im Südosten Berlins hinter Tropical Island und dem Spreewald. Aber wie ist es wirklich dort? Claudia war aus beruflichen Gründen dort und das war für mich Anlass genug, Cottbus am 1.6.2026 einen Besuch abzustatten.

Abfahrt vom Ostkreuz

Nach Plänen und Planänderungen ist es beschlossene Sache: Um 14.42 Uhr soll der Zug beim Ostkreuz losfahren. Er kommt ein paar Minuten später. Die nächstgelegenen Zugtüren sind ausgefallen, die übernächstgelegenen auch, ein ganzer Waggon ist tatsächlich ausgefallen und lässt sich nicht einmal durchqueren. Ich denke, damit ist auch zumindest eine Ursache für die Verspätung klar. In der Bahn beobachte ich drei Personen, die sehr cool gealtert sind, also im Sinne von: Sie haben BMX-Merch an und eine Mappe zur Konzeption eines BMX-Racing-Tracks vor sich, in der das eigentlich coole Thema mit "Kostenvergleich Startrampen" konterkariert wird. SpaceX lässt grüßen. Es ist warm.

Am Bahnsteig Ostkreuz Berlin
Abb. 1: Am Bahnsteig Ostkreuz Berlin, etwa 5 Minuten Verspätung.

Ankunft in Cottbus

In Cottbus angekommen holt mich Claudia vom Bahnhof ab. Ich kaufe mir ein exotisches Getränk im Bahnhofs-Rossmann. Beim Weg zum Busbahnhof sehe ich eine Person mit dem Shirtaufdruck »KRL MRX« und ich bekomme direkt Naschkram mit der Aufschrift »Herzlich willkommen« (Gummiherzen mit Kirschgeschmack) und »Vitamine für mehr Schiene« (eine Mini-NuFruMi-Packung). Ob alle Menschen so begrüßt werden, wenn sie in Cottbus ankommen?

Busbahnhofsidylle
Abb. 2: Busbahnhofsidylle in Cottbus.
Willkommensgruß
Abb. 3: Willkommensgruß.

Wir fahren mit der Linie 10 zum Branitzer Park, hier soll eine Veranstaltung der Umweltwoche stattfinden. Allgemein beobachte ich in den Cottbuser Straßen die sorbische Doppelbenamsung und mir fällt auf, dass die Spielhallen hier nahezu nobel aussehen.

Spielbank von außen
Abb. 4: Spielsucht mit Stil.

Der Bus hat mit dem Verkehr zu kämpfen und gerade, als es ruhiger wird, macht die Buslinie eine Schlaufe, um alle Bürgis abzuholen. Also ernsthaft: Damit die Leute in den Einfamilienhäusern in Cottbus' Umland keine 200 Meter laufen müssen, dreht sich der Bus einmal im Kreis. Es steigt trotzdem niemand ein, erst bei der letzten Bushaltestelle vor einer Photovoltaikfirma steigen zwei junge Personen ein, kaufen beim Busfahrer vorn ein Ticket und zahlen bar -- protzige Solarbros.


Lustwandeln im Schlossgarten

Beim Park angekommen schlendern wir wie Rokokobienen durch das Tor zum Schlossgarten. Rechter Hand ist ein großer Spielplatz, ab und zu kreuzen Radfahrer*innen, links ist aber ein Pulk an grauschwarzen, großen Autos, das ist vielleicht die Veranstaltung, zu der wir wollen.

Säulensprache
Abb. 5: Zeitlosalte Säulen.
Spielplatz
Abb. 6: Flüchtiger Blick auf den Schlossgartenspielplatz.
Wasserspiele
Abb. 7: Wasserspiele.

Zuerst aber das Fürst-Pückler-Klo. Dann die Frage, wie man denn in das Gebäude kommt. Wir geistern etwas verloren in einem dieser quasiadeligen Gebäude herum, treffen hart arbeitende Bevölkerung, gehen wieder raus und fragen einen Passanten, wie man denn der Veranstaltung beiwohnen kann. Der weiß das auch nicht richtig, zeigt aber in einen Saal und meint, da stünde was von wegen »Cottbus«, also wäre das doch sicher nicht verkehrt. Wir gehen rein und finden zwei leere Stühle in der zweiten Reihe. Auf den Stühlen liegt ein Gratis-Bleistift und ein Blatt Papier. Augenblicklich läuft ein Vortrag zum Thema Wald. Es sollen klimawandelangepasste Gewächse angepflanzt werden, die aber optisch der heiminischen Flora entsprechen. 96 der besten Gewächshäuser der DDR wurden größtenteils zurückgebaut, in den verbliebenen 6 werden 12 Hektar beackert, es gibt da jetzt auch eine Streuobstwiese und folgerichtig Fledermäuse und Insekten, sodass da natürlich auch Nabu und BUND involviert sind. Bei den Pflanzenexperimenten wird auch vor der Paupaubanane nicht zurückgeschreckt und alle sind eingeladen beim Pflanzen mitzumachen. Es klingt sehr gut.

Fläche
Abb. 8: Flächennutzung.
Spielplatz
Abb. 9: Aufgeräumtes Gewächshaus mit Heizraum aus Holz.

Apropos: Nach dem Vortrag kommen die »Aufgeweckten Gartenklänge« auf die Bühne, vermeintlich zwei Blechbläser, von denen einer schnell auf Trichter und Gartenschlauch wechselt, dann einen Striptease hinlegt und statt Anzug grüne Arbeits-Latzhose trägt. Das ist teilweise witzig. Nach einer nicht einmal teilweise witzigen Moderation wird danach Thomas Bergner verabschiedet, auch vom Bürgermeister. Thomas Etat war wohl nie der beste, zukünftig wird er dann aber ehrenamtlich unterwegs sein.

Ziele
Abb. 10: Ziele der neuen Branitzer Baumuniversität.
Danke
Abb. 11: Wertschätzung von ganz oben.

Zurück in die Stadt

Wir verlassen die Veranstaltung und fahren mit dem Bus zurück stadteinwärts. Irritierend ist der »Uhrenturm«. »Ursprünglich 16 Meter«, heißt es auf der Plakette. Und was passierte dann? Was soll ein Uhrenturm sein? Ist das nicht einfach ein ausgedachtes Wort? Eine kurze Recherche ergibt, dass es sich um ein Zunftsymbol handelt, aber ob es nun die Uhren- oder die Turmzunft ist, steht nicht dabei.

Uhrenturm Cottbus
Abb. 12: Claudia vorm Uhrenturm.
Leuchtender Uhrenturm
Abb. 13: Nachts leuchtet er verdächtig.

Wir gehen kurz zum hiesigen Aldi und dann in die AirBNB-Unterkunft, die im stringenten 90er Charme überzeugt.

Klodeckel
Abb. 14: Zurück zu den Wurzeln.
Bärchen
Abb. 15: Silberbärenbande.

Heimfahrt mit Spontizug

Ich will den Zug um 23.03 Uhr zurück nach Berlin nehmen und gehe allein zum Bahnhof. Dabei komme ich auch an einem Büro einer Nazipartei vorbei, was rückblickend der einzige sichtbare Nazihinweis war.

Spielonacht
Abb. 16: Ebenfalls verdächtig blau.
Leuchtender Uhrenturm
Abb. 17: Skyline.

Ein letztes Bahnhofsselfie wäre doch nett! Am Bahnsteig mit dem Bahnhof Cottbus im Rücken vielleicht.

Klodeckel
Abb. 18: Wertarbeit VEB Kanalguss.
Bärchen
Abb. 19: Selfie am Bahnhof.

»Social Media ist nicht gut!« Ruft einer mir von seinem Fahrrad zu. Er liest lieber CG Jung, was ich verstehe. Als Veranstaltungstechniker trat er 2020 der Linken bei. Die Binnennachfrage muss gestärkt werden. Ich nicke. Dieses quasimitternächtliche Gespräch rundet den Tag gut ab, doch unsere Verquatscherei wird jäh unterbrochen: »Jetze schon wieder Gleiswechsel?!« Der Zug fährt spontan nicht auf 1b, sondern auf Gleis 3. Ein letzten Sprint und ich sitze im Zug. Der Zugführer entschuldigt sich für die Sprinterei und hofft, die bisherige Verspätung wieder aufzuholen. Stattdessen biegt der Zug kurz vorm Ziel Ostkreuz etwa auf Höhe der Wuhlheide unvorhergesehen ab und steht dann eine Weile still. »Die Weiterfahrt verzögert sich um wenige Minuten, denn wir müssen unseren Zielbahnhof rausbekommen, wir wurden nach Lichtenberg umgeleitet, obwohl wir doch eigentlich nach Charlottenburg wollen.« Wir fahren dann zum neuen Zielbahnhof Lichtenberg, was einerseits bedeutet, dass mein Rad dann weiter am Ostkreuz steht, andererseits aber auch, dass ich in weniger als 5000 Schritten nach Hause laufen kann. Und genau das mache ich auch. Ziemlich genau um 2 Uhr liege ich endlich im Bett.


Jetzt muss ich nur noch irgendwann rausfinden, was es mit der Cottbuser Seenlandschaft auf sich hat.

Gasher
Uhrenturmwart a.D.