Letsch Rock & ich
Das Letsch Rock ist ein seit 2022 jährlich veranstaltetes DIY-Festival auf dem Kulturhof Letschow in der Nähe von Rostock, bei dem ich 2025 mit Julia war und hinter der Theke stand. Das hat Spaß gemacht und als sich jetzt die Mitorganisatorin Steffi für 2026 meldet, kriegen Camille und ich es hin, gemeinsam zum Letsch Rock zu fahren. ... Weiterlesen
21.8.2026: Hinreise & Tag 1
Gegen 12.40 Uhr will ich mich mit Camille bei der S-Bahnstation Berlin Gesundbrunnen treffen. Vorher packe ich noch ein paar Dinge zusammen. Anders als in Oldenburg vorher ist der Kulturhof Letschow vom nächsten Supermarkt zu Fuß eine gute Stunde entfernt, also stecke ich mir natürlich auch zwei Energy Drinks ein. Camille wartet bereits am Gesundbrunnen, als ich ankomme. Der Zug fährt bis Rostock durch und ist sehr voll. In der ersten Stunde finden wir keine Sitzplätze und stehen, erst danach können wir uns endlich setzen und die Donuts essen, die Camille noch beim Bahnhof gekauft hatte.
In Güstrow steigen wir um in eine S-Bahn, die zu unserem Endbahnhof Schwaan fährt. In Schwaan werden wir von Arne abgeholt, der effizienterweise auch gleich noch eine andere angereiste Supporterin vom Bahnhof Schwaan abholt. Nach guten 10 Minuten kommen wir um etwa 15.45 Uhr beim Kulturhof Letschow an, wo wir im emsigen Gewusel fröhlich begrüßt werden. Die Bühne wird noch aufgebaut, der Bandablaufplan ist fixiert, der Tresenplan aber noch nicht. Heute Abend bin ich als Springer hinter dem Tresen eingeplant, so viel steht fest.
Camille und ich haben einen Platz im Bauwagen. Noch gibt es kein Essen, weshalb es gut ist, dass Camille auch Pizzaschnecken dabei hat, die ein guter Snack sind.
Nach der ersten Sondierung und Einrichtung mit prophylaktisch dicker Bettdecke gibt es erstmal nichts zu tun und diesen Moment des NPC-Daseins nutzt Friedrich: »Gleich startet mein Fotografie-Workshop und Ihr macht mit!« So sitzen wir mit zwei anderen Menschen in einem Pavillon. »Was findet Ihr an Fotos interessant?« Beim Brainstorming kann ich mich mit meinen Special Interests »Caustics« (Reflexionen von beispielsweise Wellen) und »Lensflares« (Objektivreflexionen bei sehr hellen Lichtquellen) einbringen. Es geht aber auch um den Goldenen Schnitt, die Drittelregel, Frosch- und Vogelperspektive, Total- und Nahaufnahme und es gibt immer wieder kleine Fotoaufgaben.
Die erste Band auf der Bühne ist Siebenmorgen, die Band, in der auch Steffi und Arne selbst spielen. Arne wird leider nach diesem Letsch Rock nach Frankreich ziehen, sodass er nächstes Jahr möglicherweise nicht dabei sein wird. Glücklicherweise hat Siebenmorgen bereits einen neuen Gitarristen gefunden und für diesen Auftritt bedeutet das, dass beide gleichzeitig auf der Bühne stehen und die Bühne etwas voller ist. Die Laune ist gut und es wird gerockt wie es Sitte ist.
Ich schaue mich am Tresen um, ich will ja vorbereitet sein. Die Preise sind wie im Vorjahr. Einen Unterschied scheint es bei der Limo- und Radler-Auswahl zu geben.
Nach Siebenmorgen spielt die im Direktvergleich noch ein wenig punkigere Band Rotze und danach die wiederum weniger punkig und mehr rockigere Band Maentik. Friedrich drückt Camille und mir seine Kamera in die Hand und ich versuche, mit ihr Eindrücke zu fotografieren, scheitere aber am Autofokus, der mit den Lichtverhältnissen gar nicht so gut zurecht zu kommen scheint -- oder ich weiß einfach nicht, wie das geht. Als Maentiks Auftritt vorbei ist, holt Steffi alle Bands des Abends und die Crew auf die Bühne für ein Gruppenfoto. Da Friedrich auch mal auf so einem Gruppenfoto sein möchte, drückt er mir seine eigene Kamera (also quasi seinen Schatz und somit auch alle Verantwortung für ein gutes Gruppenfoto) in die Hand. In der Hoffnung, dass es Quantität es richten möge, drücke ich ein paar Mal auf den Auslöser und irgendwie scheint irgendwas dabei gewesen zu sein -- zumindest Friedrich ist zufrieden, puh!
Das Bühnenprogramm ist vorbei, aber in der Technoscheune legen ManetiX auf. Das war auch letztes Jahr so und das Programm ist dieses Jahr recht ähnlich zum letzten: Ein musikalisches Thema wird eingeführt, dann kommt der Drop und eine kleine Eskalation und dann kommt das nächste Thema. Für 20 Minuten macht mir das Spaß, aber danach ist es doch sehr repetitiv. Ich freue mich beim Vorbeigehen trotzdem immer, wenn ich ein Thema erkenne.
Camille und ich gehen duschen, Zähne putzen, bewundern die vielen, vielen Sterne am Nachthimmel und dann: ab ins Bett. Die Technoscheune wird sicher auch bald Ruhe geben.
22.8.2026: Tag 2
Die Technoscheune gibt keine Ruhe. Auch Ohropax helfen nur bedingt, weil der Bauwagen so dicht steht, dass er von den Bässen vibriert. Um 1.50 Uhr wird »Hyper Hyper« gespielt, der perfekte Rausschmeißer, denke ich -- und trotzdem geht es auch danach weiter. Um 2.30 Uhr vertönt endlich die letzte Bassdrum, sodass nun der Kickertisch vor der Technoscheune akustisch zur Geltung kommt. Ein Teil von mir möchte sich über die kindliche und aber auch laute Freude aller Spieler*innen bei jedem Tor freuen, der weitaus größere Teil möchte aber in erster Linie schlafen. Etwa um 3 Uhr ist dann endlich Ruhe bis 5.30 Uhr, als der erste Hahn kräht ...
Gegen 10 Uhr stehen Camille und ich auf. Ich fühle mich gerädert und zippe meinen Energy Drink, meine Smart Watch sagt, ich hätte »gut« (76) geschlafen. Wir gehen fürs Frühstück in den seit letztem Jahr ausgebauten Backstagebereich, wo wir mit den anderen Bands und auch Friedrich frühstücken. Das Punkrock Yoga haben wir leider verpasst.
Nach dem Frühstück haben wir ein wenig Freizeit. Der Schichtplan für den Tresen ist noch nicht fertig, also erkunden Camille und ich ein wenig das Gelände. Um 14.30 Uhr bekomme ich mein eigenes Letsch Rock-T-Shirt -- endlich Teil der Crew! Und der Schichtplan steht auch fest: Meine Tresenschichten werden um 17 Uhr und 23 Uhr für je 90 Minuten sein, sodass wir uns entscheiden müssen: Foto Workshop Teil 2 oder Schnitzen mit Hartmut. Friedrich nimmt uns die Entscheidung ab und so sitzen wir mit ganz anderen Menschen als am Vortag bei Friedrich im Foto Workshop, bei dem es heute um Fotoserien geht. Die erste Aufgabe: »Temporäre Skulpturen« sollen wir fotografieren. Ich hatte erst wenige Tage zuvor den Unterschied zwischen Skulpturen und Plastiken gelernt, sodass ich etwas überfordert bin, aber dann doch eine Miniserie fotografiere. Bei der kommentierten Durchsicht der Fotos hat Friedrich heute einen großen Fernseher organisiert, was ein echtes Upgrade für die Präsentation der Fotos ist.
Um 16 Uhr gibt es mit dem Motto »Letschow singt« eine Karaokeshow für Kinder, die auf einee sympathisch respektlosen Songzusammenstellung basiert. Beendet wird sie passenderweise mit »Song 2« von Blur und »Smells like Teen Spirit« von Nirvana und ich frage mich lächelnd, was Damon und Kurt dazu gesagt hätten. Ich freue mich sehr über die Auswahl und Präsentation und das Publikum freut sich mit.
Um 17 Uhr beginnt meine erste Schicht. Meine Laune ist sehr gut und die der Kund*innen auch. Drei Personen bestellen Weißweinschorle, die zwar so eigentlich nicht im Angebot ist, aber irgendwie kriegen wir das hin, die Würstchen und der Backkäse gehen gut weg, ab und zu bestellt auch jemand Nudelsalat. Viele kaufen auch Lose für die Lotterie, wobei eine Person mir persönlich dankt, weil sie das absolute Glückslos in Form einer seltenen Schallplatte gezogen hatte. Eine Person zeigt auf den QR-Code, mit dem man Letsch Rock bei Paypal spenden kann und fragt mich was das wäre -- also kann ich erklären, wie ein QR-Code funktioniert. Währenddessen spielt auf der kleinen Bühne About Indigo.
18.30 Uhr habe ich wieder Pause. Die Band Esco überrascht mit Gitarrenrap. Ich unterhalte mich mit einer Person beim Stand von LOHRO, einem freien Mitmachradio in Rostock, das zum kreativen Experimantieren aufruft. Friedrich lädt mich zu einer Partie Schach ein, aber ich gehe auch für eine Runde in den Technoschuppen, um zu tanzen und weil es draußen auch frischer wird und ein wenig Bewegung mich gut aufwärmt.
Die Band Steel Waterink überzeugt mit außergewöhnlich gutem Gesang und irgendwie hat der Bassist das Pech, dass der Bass nach jedem Song verstimmt ist. Ich bin erstaunt, dass ich dieses Jahr im Unterschied zum letzten keine Mücken wahrnehme.
Ab 23 Uhr bin ich wieder hinter der Theke und die Band Klatsche ist dran. Sie besteht nur aus zwei Personen, Schlagzeug und Gitarre und die beiden liefern auch inhaltlich ab wie die deutschen Angine de Poitrine. Das Publikum honoriert diese eher experimentelle Musik ohne Ohrwurmcharakter und verzeiht auch die Dad-Jokes zwischen den Songs.
Nach Klatsche trommelt Steffi wiederum die Crew und die Bands auf der Bühne zusammen für ein Gruppenfoto und diesmal bin ich auch vor der Linse und Friedrich macht das Foto.
Camille und ich machen uns ein weiteres Mal bettfertig und hoffen inständig, dass der Technoschuppen heute früher Ruhe gibt. Ob das wirklich so war oder nicht, weiß ich nicht, weil ich irgendwie tatsächlich eingeschlafen bin.
22.8.2026: Rückfahrt
Die Smart Watch sagt, ich hätte ausgezeichnet geschlafen (86 von 100), was ich als Verhöhnung empfinde -- auch wenn ich zugeben muss, dass ich besser geschlafen habe als in der Nacht zuvor. Nach einem Energy Drink setzen sich Camille und ich zu den anderen zum Frühstück und tauschen hier Kontakte aus. Am Ende werden wir von Hartmut und Claudia im Auto nach Rostock mitgenommen, sodass wir Rostock aus Sicht eines Autos (überall Baustellen) erleben. Nach einem kleinen Bummel am Stadthafen fahren wir mit der Bahn wieder zurück nach Berlin.
Kleine Festivals wie das Letsch Rock sind sehr gute Infrastruktur. Bitte mehr davon!
