3.6
Armin kommt zurück zu Katja, die aufgestanden ist.
Er sagt: "Guten Morgen, Vanelin!"
Sie sagt: "Guten Morgen, Armin. Gibt es was Neues zum Tod deiner Mutter."
"Wie es aussieht haben wir alle noch einmal Glück gehabt. Die Polizei jedenfalls scheint doch noch nicht die totale Kontrolle zu haben. Über meiner Mutter liegt jedenfalls noch dichter Nebel."
"Und was heißt das?"
"Der gestrige Abend feierte übrigens eine hundertfache Revue in meinem Kopf, jede anders als die Premiere, jede neu und schön."
"Armin, du hast deine Mutter getötet."
"Vanelin, du hattest recht. Ich könnte niemals sagen, wie sehr ich dich liebe, so sehr ich es auch versuchte. Aber es ist auch völlig egal: Denn dass ich dich liebe, ist der Gottesfluch, den ich lieber genießen will, als ihn in Worte fassen zu wollen."
"Du hast deine Mutter getötet."
"Sie war schon vorher tot."
"Du nahmst ihr aber die letzte Möglichkeit der Wiederbelebung."
"Sie roch schon nach Tod, sie war vermodert."
"Solange sie noch roch, solange sie noch moderte, lebte sie noch - ein bisschen. Oder nenne mir ein totes Moor. Tote Bäume modern nicht. Modernde Bäume bieten Herberge für so viel kleinstes Leben. Bestimmt hatte selbst deine Mutter innerhalb dieser vielen Jahre neu und erst langsam begonnen, etwas zu leben."
"Sie lebte nie."
"Woher weißt du das? Kennst du ihre Seele so gut?"
"Sie hatte keine Seele."
"Armin. Selbst der kleinste Kieselstein hat eine Seele und allein deshalb zweihunderttausend Gründe, respektiert zu werden."
"Ich hatte einen Grund mehr..."
"Du lügst."
"Und du sprichst auch nicht die Wahrheit."
"Warum tötest du mich eigentlich nicht."
Armin holt seine Waffe aus der Tasche und richtet sie auf Katja.
Er sagt: "Warum töte ich dich eigentlich nicht?"
Er legt die Waffe auf den Boden und sagt: "Deine Augen, deine klaren, blauen Augen, deine beiden lebendigen - Vanelin..."
Sie sagt: "Du Feigling, du Erbärmlicher."
"Du lebst. Du lebst, du lebst."
"Hättest du deiner Mutter nur einmal in die Augen gesehen..."
"Es waren die Augen eines Roboters, einer Menschmaschine, einer seelenlosen Kamera, eines..."
"armen Menschen, wie ich es selbst war, bevor du kamst. Warum hast du mich geweckt und sie eingeschläfert? War ich nicht auch modrig, als du mich zuerst getroffen hast?"
"Kein Wecker der Welt hätte sie wach bekommen. Ich weiß nicht, warum du mir ein schlechtes Gewissen einreden möchtest, du wirst es aber nicht schaffen, das ist mindestens genauso aussichtslos wie eine Belebung meiner Mutter aussichtslos war."
"Bist du dir sicher?"
"Ganz sicher."
Katja geht zur Tür und sagt: "Dann ist es wohl auch aussichtslos, dich selbst wiederzubeleben. Es ist gut."
Armin sagt: "Vanelin."
Katja geht hinaus und schließt die Tür.
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