| 3.5 |
|
Armin geht zu Katja.
Er sagt: "Warst du lang genug allein?"
Sie sagt: "Ich denke schon."
"Ich gehe morgen früh wieder zur Polizei. Darf ich die Nacht bei dir
bleiben?"
"Ja, bitte bleib."
"Die Nacht wird nicht genug sein. Vielleicht... Tust du mir einen
Gefallen?"
"Welchen?"
"Verbinde meine Augen."
"Nein."
"Stich sie mir aus."
"Niemals."
"Lass mich nicht allein mit ihnen, sie zeigen mir so viel von dem, was ich
nicht sehen will."
"Du willst doch leben.?"
"Ich lebe."
"Sehen gehört dazu. Deine Augen sind keine Gabe des Todes, sie sind
ein Teil deines Lebens."
"Also muss ich die Nacht genießen, in der sie nutzlos wie der Blinddarm
am Körper hängen."
"Die Nacht als dein Retter, weil sie die Augen sinnlos werden lässt?"
"Ja, aber sie leider nicht nur schön, dunkel, blind, sondern sie schärft die
anderen Sinne. Sie schärft meine Ohren, meine Nase und meine Finger
und verdammt mich, mit ihnen alte Bilder zu beleben."
"Also wo findest du dein Seelenheil? Wie konntest du ihr so lange
wiederstehen, der totalen Betäubung? Wie kannst du noch länger hier
bleiben, hier bei mir, hier. Siehst du nicht den Zwiespalt? Du hast mich
aus dieser Betäubung geholt, ich danke dir dafür. Und was machst du?
Du strebst ihr entgegen, mit all deiner zerstörerischen Kraft. Du hast mir
zu leben gezeigt und willst doch wieder erstarren, ganz heiß, ganz kalt?
Es ist wie eine Eiswüste. Dein Leben heißt Tod."
"Nein."
"Tod - Tod - Tod."
"Ich"
"Du hasst das Leben."
"Ich liebe das Leben und liebe auch den Tod, der zum Leben gehört."
"Dein Hass galt der sinnlosen Zeit, schön, den Konstitutionen, gut, dein
Hass galt aber auch den Farben, den Sinnen."
"Anfangs war es schwarz oder weiß, dann erkannte ich abertausend
Grautöne und jetzt finde ich mich in einem Meer von Farben und sehe
als nächste Stufe - schwarz. Ich hasse Farben und Sinne nicht, aber ich
weiß, dass das Nächste, das Höhere doch die Dunkelheit, besser das
Nichts ist."
"Du hast Angst, in deinem Farbenmeer zu versinken und sehnst dich
nach Monotonie."
"Sie bedeutet Einheit - und ist Leben nicht vielmehr Einheit als
Zwiespalt?"
"Deine Einheit meint Eintönigkeit. Ist dein Leben diese trostlose, dunkle
Öde oder bunte Abwechslung?"
"Dein Gedankenspiel zerschellt an der Realität."
"Aber Armin, warst du es nicht, der mir von der Illusion der Wahrheit
predigte?"
"Ich bin es immer noch. Aber Farben sind nur verfeinerte Grautöne, die
aber im Unterschied nicht sofort erkennen lassen, ob rot oder grün
dunkler ist. Meine Augen helfen mir dabei jedenfalls nicht. Und was
sagen deine Ohren? Farben - sie machen das Spiel nur verwirrender.
Die Dunkelheit ist Befreiung von dem bunten Chaos. Sie ist keine
Ordnung, sondern nur Einheit."
"Du versuchst zu fliehen, vor Farben, die in dir zu bloßer Schminke
verkommen. Die dunkelste Grau muss ersetzt werden durch
Farbqualität. Es heißt ob und nicht wie viel."
"Verlangst du von mir, die Schönheit deiner Vorstellung zu begreifen?"
"Ich möchte nur, dass du noch eine Weile lebst, damit ich nicht einsam
mein Leben lieben muss."
"Pure Egozentrik."
"Sie bleibt als Insel im Farbenmeer."
"Darf ich schweigen?" |
|
|
|
|
|